Der erste Eindruck zählt: Belonging in der Studieneingangsphase stärken – eine pragmatische Überlegung
Ein nachhaltig verankerter Sense of Belonging entsteht nicht zufällig – er braucht strukturelle Voraus-setzungen, gelebte Haltung und das Zusammenspiel verschiedener Akteure innerhalb der Hochschule. Die Realisierung von Zugehörigkeit ist ein gemeinsamer Auftrag: Erstens braucht es die Hochschulleitung als strategischen Wegweiser, der Vision, Ziele und Prioritäten festlegt. Zweitens wirken Hochschulentwicklung und -verwaltung, indem sie Prozesse, Rahmenbedingungen und Institutionalisierung der Initiativen gestalten und umsetzbar machen. Drittens kommt dem Lehrkörper eine zentrale Rolle als direkte Schlüsselakteur:innen zu, weil dort Zugehörigkeit im Alltag erfahrbar wird – im Seminarraum, in der Betreuung, im direkten Kontakt mit Studierenden (Hausmann, Schofield & Woods, 2007).
Ein Blogbeitrag von:
Prof. Dr. Ladan Pooyan-Weihs (Dozentin und Projektmitarbeiterin HSLU)
Dr. Daniel Gysin (Dozent und Projektkoordinator PH Luzern)
Blogbeitragsreihe:
Dies ist der zweite Teil einer Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Zugehörigkeitsgefühl (Sense of Belonging) an Hochschulen. Der erste Teil ist hier zu finden.

Warum die Studieneingangsphase entscheidend ist
Die ersten Wochen an einer Hochschule sind prägend. Neue Gebäude, neue Menschen, neue Erwartungen – und oft auch Unsicherheit. In dieser Phase entscheidet sich häufig, ob Studierende sich willkommen fühlen, Anschluss finden und ihren Platz in der Hochschulgemeinschaft entdecken (Tinto, 1993). Genau hier beginnt der Sense of Belonging.
Studien zeigen, dass früh erlebte Zugehörigkeit die Motivation, Selbstwirksamkeit und das Durchhaltevermögen nachhaltig stärkt (Kahu & Nelson, 2018). Wer in dieser Zeit soziale Anker findet, bleibt eher engagiert, beteiligt sich aktiv und kann Herausforderungen besser bewältigen.
Was Studierende in den ersten 100 Tagen brauchen
Damit Zugehörigkeit gedeihen kann, brauchen Studierende mehr als Informationen und Stundenpläne. Entscheidend sind drei Ebenen:
1. Orientierung
Klarheit über Abläufe, Erwartungen und Ansprechpersonen schafft Sicherheit (Harvard Graduate School of Education, 2011).
2. Soziale Anschlussmöglichkeiten
Begegnungen ermöglichen Beziehung – und Beziehung schafft Bindung.
3. Erfolgserlebnisse & Selbstwirksamkeit
Kleine Schritte, in denen Studierende merken: Ich kann das, stärken Selbstvertrauen und Motivation.
Wenn diese Faktoren zusammenspielen, entsteht Vertrauen – und damit der Boden für Belonging (Brené Brown, 2012).
Formate, die Belonging fördern
Wirksame Massnahmen müssen nicht gross sein – sie müssen Anschluss und Sichtbarkeit ermöglichen. Beispiele:
- Welcome-Week mit Fokus auf Begegnung statt nur Information
- Peer-Mentoring-Programme (Hausmann, Schofield & Woods, 2007)
- Kleingruppenformate und Lerntandems
- Niedrigschwellige Community-Events
- Tutor:innen als konstante Kontaktpunkte
- Workshopangebote rund um Lernstrategien & Studienstart
Zentral ist nicht das Format selbst, sondern was es auslöst: Verbindung, Orientierung und Mitgestaltung.
Peer-Mentoring als Schlüssel
Peer-Mentoring schafft Nähe auf Augenhöhe. Studierende im höheren Semester begleiten Erstsemestrige, beantworten Fragen, öffnen Netzwerke (Kahu & Nelson, 2018). Es ist oft die erste echte Beziehung an der Hochschule – und damit ein Anker in der neuen Umgebung.
Mentor:innen können
- Unsicherheit normalisieren („ging mir genauso“)
- praktische Tipps geben, die sonst nirgendwo stehen
- Türen zu Gruppen, Projekten und sozialen Räumen öffnen
Belonging über die Startphase hinaus leben
Die ersten 100 Tage legen das Fundament – doch Zugehörigkeit braucht Pflege, um nachhaltig zu wirken. Sie wächst, wenn Studierende Mitsprache erleben, Räume gestalten dürfen, Vielfalt sichtbar wird und die Haltung lautet:
„Du bist hier nicht nur anwesend – du bist Teil von uns.“
Ein Beispiel für eine institutionelle Umsetzung liefert das Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit einer umfassenden Initiative zur Förderung von SoB. Dort werden Talente weltweit einbezogen, lokale und hochschulweite Massnahmen unterstützt und Chancengerechtigkeit gestärkt (MIT Diversity & Belonging Action Plan, 2020).
Fazit
Ein starkes Sense of Belonging entsteht, wenn strategische Führung, institutionelle Prozesse und gelebter Kontakt zusammenwirken. Besonders im Studienstart werden Weichen gestellt – für Engagement, Studienerfolg und Verbundenheit. Hochschulen können diese Phase bewusst gestalten: durch Willkommenskultur, niedrigschwellige Austauschformate und Peer-Mentoring.
Denn der erste Eindruck entscheidet, ob aus Neugier Bindung wird und aus Anwesenheit Zugehörigkeit.
Autor:innen:
Prof. Dr. Ladan Pooyan-Weihs (Dozentin und Projektmitarbeiterin HSLU)
Dr. Daniel Gysin (Dozent und Projektkoordinator PH Luzern)
Blogbeitragsreihe:
Dies ist der zweite Teil einer Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Zugehörigkeitsgefühl (Sense of Belonging) an Hochschulen. Der erste Teil ist hier zu finden.
Literaturübersicht:
- Brené Brown (2012). Daring Greatly.
- Hausmann, L. R., Schofield, J. W., & Woods, R. L. (2007). Sense of belonging as a predictor of intentions to persist among African American and White first-year college students. Research in Higher Education, 48(7), 803–839.
- Harvard Graduate School of Education (2011). Strategies for supporting first-generation college students.
- Kahu, E. R., & Nelson, K. (2018). Student engagement in the first year of study: What influences belonging?Studies in Higher Education, 43(3), 472–485.
- MIT Diversity & Belonging Action Plan (2020).
- Tinto, V. (1993). Leaving College: Rethinking the Causes and Cures of Student Attrition.
