Sense of Belonging messen:
Welche Indikatoren zeigen, ob Zugehörigkeit gelingt?

Nachdem die ersten beiden Beiträge dieser Blogreihe gezeigt haben, warum Zugehörigkeit ein zentraler Erfolgsfaktor für Hochschulen ist und weshalb insbesondere die Studieneingangsphase entscheidend für ihre Entstehung ist, stellt sich eine nächste, fast unvermeidliche Frage: Woran erkennen wir eigentlich, ob Zugehörigkeit wirklich gelingt?

Diese Frage führt direkt zu einer zentralen Einsicht: Ein Sense of Belonging wächst nicht allein durch einzelne Programme oder Massnahmen. Zugehörigkeit ist vielmehr eine gelebte Erfahrung – Erfahrungen sind bekanntermassen nicht direkt sichtbar. Gerade deshalb braucht es geeignete Indikatoren, die aufzeigen, ob Studierende sich wirklich als Teil einer Gemeinschaft fühlen.

Ein Blogbeitrag von:
Prof. Dr. Ladan Pooyan-Weihs (Dozentin und Projektmitarbeiterin HSLU)

Blogbeitragsreihe:
Dies ist der dritte Teil einer Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Zugehörigkeitsgefühl (Sense of Belonging) an Hochschulen. Der vierte Teil ist hier zu finden.

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Warum Zugehörigkeit messbar sein muss

Zugehörigkeit ist kein «nice-to-have»-Zusatzthema, sondern ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Bereits Baumeister und Leary (1995) zeigen, dass das Bedürfnis nach sozialer Einbindung zu den zentralen motivationalen Kräften menschlichen Handelns gehört. Im Hochschulkontext wirkt sich dieses Bedürfnis unmittelbar auf Engagement, Wohlbefinden und Studienerfolg aus.

Forschungsarbeiten zur Studienpersistenz belegen seit Langem, dass Studierende eher im Studium verbleiben, wenn sie sich sozial und akademisch integriert fühlen (Tinto, 1993; Hausmann, Schofield & Woods, 2007). Messung bedeutet daher nicht Kontrolle, sondern Orientierung: Sie hilft Hochschulen zu verstehen, wo Zugehörigkeit entsteht und wo nicht.

Zugehörigkeit als mehrdimensionales Konzept

Sense of Belonging wird heute als Zusammenspiel mehrerer psychologischer und sozialer Dimensionen verstanden. Im Einklang mit der Self-Determination Theory von Ryan und Deci (2000) entsteht nachhaltige Motivation dort, wo Menschen sich kompetent, autonom und sozial eingebunden fühlen. Überträgt man diese Perspektive auf den Hochschulalltag, wird sichtbar, dass Zugehörigkeit aus mehreren miteinander verbundenen Erfahrungen entsteht. Im Kontext der Hochschulen lassen sich dann drei zentrale Dimensionen unterscheiden:

 

1. Soziale Zugehörigkeit – Teil einer Gemeinschaft sein

Studierende erleben Zugehörigkeit, wenn sie Beziehungen aufbauen und sich im sozialen Umfeld sicher fühlen. Mögliche Indikatoren:

  • wahrgenommene Unterstützung durch Mitstudierende
  • Qualität sozialer Kontakte im Studium
  • Teilnahme an Lerngruppen oder Communities
  • Gefühl, andere ansprechen zu können

Entscheidend ist dabei weniger die Anzahl sozialer Aktivitäten als das subjektive Erleben von Verbundenheit.

 

2. Akademische Zugehörigkeit – Teil der Fachcommunity werden

Akademische Zugehörigkeit beschreibt das Gefühl, fachlich «am richtigen Ort» zu sein. Typische, aus Ryan & Deci abgeleitete Indikatoren:

  • Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit (Selbstwirksamkeit)
  • aktive Beteiligung im Unterricht (autonomes Lernengagement / Partizipation)
  • Bereitschaft, Fragen zu stellen (psychologische und / oder soziale Sicherheit)
  • Wahrnehmung von Feedback als unterstützend (Feedbackwirksamkeit / kompetenzfördernde Rückmeldung)

Studien zeigen, dass insbesondere Studierende aus unterrepräsentierten Gruppen stark profitieren, wenn sie sich als legitime Mitglieder ihrer akademischen Community erleben (Walton & Cohen, 2007; Strayhorn, 2012).

 

3. Institutionelle Zugehörigkeit – Beziehung zur Hochschule

Neben sozialen und akademischen Erfahrungen spielt auch die Wahrnehmung der Institution selbst eine zentrale Rolle. Indikatoren können sein:

  • Gefühl, willkommen zu sein
  • Vertrauen in Unterstützungsangebote
  • Transparenz und Fairness institutioneller Prozesse
  • Identifikation mit der Hochschule

Untersuchungen zeigen, dass Lernumgebung und institutionelle Kultur einen direkten Einfluss auf Studienerfolg und Zugehörigkeit haben (Meeuwisse, Severiens & Born, 2010). Nachdem die Hauptebenen identifiziert sind, stellt sich die nächste, fast unvermeidliche Frage: Wie lässt sich Zugehörigkeit konkret messen?  

Messbare Dimensionen von Zugehörigkeit

Da Zugehörigkeit ein subjektives Erleben ist, braucht es eine Kombination verschiedener Methoden. Im Folgenden werden vier Ansätze kurz vorgestellt.

1. Standardisierte Befragungen

Bewährte Skalen wie das von Goodenow (1993) entwickelte Konzept des Psychological Sense of School Membership ermöglichen es, Zugehörigkeit systematisch zu erfassen, etwa über Aussagen wie:

  • „Ich fühle mich hier akzeptiert.“
  • „Ich habe das Gefühl, dazuzugehören.“
  • „Meine Meinung zählt.“

Solche Instrumente erlauben es, Entwicklungen über Zeit sichtbar zu machen.

2. Regelmässige Pulse-Checks

Kurze Befragungen während des Semesters helfen, kritische Phasen früh zu erkennen – insbesondere während der ersten Studienmonate, in denen sich Zugehörigkeit besonders stark entwickelt.

3. Qualitative Perspektiven

Interviews, Fokusgruppen oder Reflexionsformate liefern Kontext hinter quantitativen Ergebnissen. Häufig werden hier strukturelle Hindernisse sichtbar, die reine Zahlen nicht erklären können (Thomas, 2012).

4. Indirekte Indikatoren

Auch institutionelle Daten können Hinweise liefern, etwa:

  • Studienabbruchsquoten
  • Nutzung von Beratungsangeboten
  • Beteiligung an freiwilligen Lernformaten
  • Engagement in studentischen Initiativen

Diese Daten ergänzen subjektive Messungen, können sie jedoch nicht ersetzen.

Was gute Messung Auszeichnet

Zugehörigkeit lässt sich nicht in einer einzelnen Kennzahl abbilden. Erfolgreiche Hochschulen verfolgen deshalb einen lernorientierten Ansatz:

  • kontinuierliche statt einmaliger Messung
  • Kombination qualitativer und quantitativer Daten
  • transparente Kommunikation der Ergebnisse
  • sichtbare Umsetzung von Verbesserungen

Interessanterweise kann bereits die Befragung selbst Zugehörigkeit stärken, weil Studierende erleben, dass ihre Erfahrungen wahrgenommen werden

Von der Messung zur Entwicklung

Messung entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie zur Grundlage institutioneller Weiterentwicklung wird. Hochschulen, die Zugehörigkeit nachhaltig stärken, nutzen Ergebnisse gezielt zur Anpassung von Lehrformaten, Mentoringstrukturen oder Kommunikationsprozessen.

Die Frage, wie Zugehörigkeit nachhaltig gestärkt werden kann, beschäftigt Hochschulen weltweit.  Internationale Initiativen, etwa am Massachusetts Institute of Technology, verdeutlichen, dass systematische Evaluation einen zentralen Bestandteil langfristiger Belonging-Strategien bildet (MIT, 2020).

Fazit

Sense of Belonging ist kein abstraktes Ideal, sondern ein entwickelbares und beobachtbares Qualitätsmerkmal von Hochschulen. Zugehörigkeit entsteht dort, wo soziale Einbindung, akademische Selbstwirksamkeit und institutionelles Vertrauen zusammenkommen.

Die Messung von Zugehörigkeit macht sichtbar, ob Studierende lediglich anwesend sind oder ob sie sich als Teil einer Gemeinschaft erleben.

Autorin:

Prof. Dr. Ladan Pooyan-Weihs (Dozentin und Projektmitarbeiterin HSLU)

Blogbeitragsreihe

Dies ist der dritte Teil einer Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Zugehörigkeitsgefühl (Sense of Belonging) an Hochschulen. 

Literaturübersicht

Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529.

Brené Brown (2012). Daring Greatly. Gotham Books.

Goodenow, C. (1993). The psychological sense of school membership among adolescents. Psychology in the Schools, 30(1), 79–90.

Hausmann, L. R., Schofield, J. W., & Woods, R. L. (2007). Sense of belonging as a predictor of intentions to persist among African American and White first-year college students. Research in Higher Education, 48(7), 803–839.

Kahu, E. R., & Nelson, K. (2018). Student engagement in the first year of study. Studies in Higher Education, 43(3), 472–485.

Meeuwisse, M., Severiens, S., & Born, M. (2010). Learning environment, interaction and sense of belonging. Research in Higher Education, 51(6), 528–545.

MIT (2020). MIT Diversity & Belonging Action Plan.

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Intrinsic motivation and self-determination theory. American Psychologist, 55(1), 68–78.

Strayhorn, T. L. (2012). College Students’ Sense of Belonging. Routledge.

Thomas, L. (2012). Building student engagement and belonging in Higher Education. Higher Education Academy.

Tinto, V. (1993). Leaving College. University of Chicago Press.

Walton, G. M., & Cohen, G. L. (2007). A question of belonging. Journal of Personality and Social Psychology, 92(1), 82–96.